Bittere Enttäuschung und tote Hose: Die NPD in Braunschweig

Andreas Wolf am 5.6.2010 bei einem Aufmarsch in Hildesheim. Auf seinem T-Shirt steht: "Einbürgerungsstadt Braunschweig" - eine Anspielung darauf, das der Österreicher Adolf Hitler hier eingebürgert wurde und dadurch überhaupt erst als Kandidat an Wahlen teilnehmen konnte.
am 5.6.2010 bei einem Aufmarsch in Hildesheim. Auf seinem T-Shirt steht: „Einbürgerungsstadt Braunschweig“ – eine Anspielung darauf, das der Österreicher Adolf Hitler hier eingebürgert wurde.

Der Kreisbereich Braunschweig-Peine der zeigt sich derzeit in einem gelinde gesagt desolaten Zustand. Als im August diesen Jahres die im Rahmen einer „Deutschlandtour“ auch mit einer Kundgebung auf dem Braunschweiger Burgplatz halt machte, musste extra eine handvoll NPD-Anhänger aus Goslar angekarrt werden, damit überhaupt jemand den Reden zuhörte. Aus der Stadt selbst waren gerade mal zwei bis drei NPD-Anhänger gekommen. Die Rede des Parteivorsitzenden Holger Apfel ging im Lärm und den Pfiffen der rund 800 GegendemonstrantInnen unter. Zur Kommunalwahl am 11. September 2011 war die NPD in Braunschweig erst gar nicht angetreten. Im gesamten Unterbezirk Braunschweig (zu dem Helmstedt, Wolfenbüttel, Salzgitter, Peine und Braunschweig gehören) war die Partei überhaupt nur in Helmstedt und der umliegenden Region auf dem Wahlzettel vertreten. Der Internetauftritt des Unterbezirks ist zudem seit Monaten nicht zu erreichen. Zur Bundestagswahl 2009 kandierte in Braunschweig lediglich Andreas Wolf im Wahlbereich 1 als Direktkandidat der NPD, der zweite Braunschweiger Wahlbereich blieb unbesetzt. Bis auf ein paar einzelne Verteilaktionen von NPD-Wahlmaterial an Haushalte war schon damals von einem Wahlkampf der NPD in der Stadt nichts zu bemerken. Erst kurz vor der Wahl wurden an einigen Ausfahrtsstraßen schnell noch ein paar NPD-Plakate aufgehängt. Wolf bekam bei der Wahl 0,9% bzw. 1.310 Erststimmen. Mit der Zweitstimme wählten 1.324 die NPD (=1%). Seinen Frust über die mangelnde Unterstützung im Wahlkampf ließ Andreas Wolf nach der Wahl freien Lauf:

„Es sind soviele Nationale in Braunschweig und wo sind die alle?Große Klappe und nichts zusehen …zum KOTZEN….Ach ja ‚Danke an die Burschenschaft Thormania für die Aktive Hilfe’…Jungs(und auch Mädels) Ihr habt ein gut bei mir.“

Wie schlecht die Stimmung im Kreisbereich Braunschweig der NPD seit langem ist, machen interne E-Mails deutlich, die der Redaktion von Recherche38 zugespielt wurden: Per Facebook hatte sich Andreas Wolf bereits im Oktober 2010 hilfesuchend an den damaligen NPD-Bundesvorsitzende gewandt:

„erstmal danke fürs annehmen.ich möchte ihn kurz was über mich schreiben.ich bin seit 2002 mitglied in der npd,seit anfang an aktiv egal wo ,habe immer material dabei.war funktionär in braunschweig und stelli [gemeint ist hier Stellvertreter]im unterbezirk.stand auf dem zettel zur bundestagswahl. aber eines stört mich,hier im lv niedersaschen läuft nichts mehr,man hört nichts mehr.viele mitglieder die ich kenne wollen austreten. problem 1. in salzgitter haben sich die reps komplett zurück gezogen und wir sitzen hier und warten und handeln nicht. problem 2. wo das mit der islam debatte war,hätte man gleich eine große verteilaktion machen sollen in salzgitter(hat ein großen ausländeranteil) ich oder wir verstehen nicht warum sich die npd niedersaschen zurück zieht.fakt ist das hier komplett alles auf null ich habe da jetzt mehrmals hin geschrieben,weil ich sonst kein erreiche.aber keine antwort […] man lacht ja schon ich hoffe das ich eine antwort bekomme mit den besten grüßen andreas wolf“ (Rechtschreibfehler auch bei den kommenden Zitaten aus dem Original übernommen)

Besonders ernst genommen hat der damalige NPD-Bundesvorsitzende die Beschwerde allerdings nicht. Er leitete sie einfach weiter an Adolf Dammann, dem Vorsitzenden der NPD Niedersachsen und fügte zynisch hinzu: „Vielleicht könnt Ihr ihn direkt in S-A voll einsetzen [gemeint ist als Wahlkampfhelfer in Sachsen-Anhalt], so daß ihm keine Zeit mehr für solche Briefe bleibt.

Da Dammann die Mail auch gleich u.a. an , Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Goslar weitergeleitet hat, antwortet dieser noch am gleichen Tag:

„Lieber Adolf, ich kenne Andreas Wolf seit einigen Jahren als fleißigen, jungen Parteisoldaten […] Es gibt im UB- Braunschweig eine Handvoll bitter enttäuschter Kameraden, […] Einige wollen austreten, insbesondere aus den für uns ohnehin schwierigen Bereichen Braunschweig und Salzgitter. Dort gibt es eine für niedersächsische Verhältnisse recht ausgeprägte Kameradschaftsszene, die offenbar mittlerweile für viele junge Parteimitglieder in der Region immer attraktiver wird. Einige sind nur noch nicht ausgetreten, weil ich sie alle paar Wochen dann doch wieder ermutigen kann, auszuhalten und weiterzumachen […] Jede Idee, jede geplante Aktion der Braunschweiger Jungs werde vom UB- Vorstand entweder gänzlich kommentarlos gelassen oder blockiert […] Andreas Wolf bestellt seit Jahren (!) selbst und auf eigene, private Rechnung Material in der PZ [=Parteizentrale]. Denn aus Helmstedt werde nichts abgegeben. Stattdessen dürfen sich die Jungs auf jedem Stammtisch und jedem Aktivistengrillen anhören, wie viele Zeitungen in den letzten Wochen wieder in Helmstedt verteilt worden sind. Ich kann den Frust nachvollziehen […] Ich will mich bei niemanden einmischen, aber ich kenne den UB-Braunschweig neben Friedrich selbst wie kaum ein anderer und weiß, dass dort erhebliche Probleme bestehen. Rund 60 Mitglieder und die immer pünktliche Beitragsabführung an LV [Landesverband] und PV [Parteivorstand] lassen die Situation entspannter erscheinen als sie ist. Die Hälfte aller Mitglieder sind Helmstedter. Die andere Hälfte teilt sich auf Braunschweig, Wolfenbüttel, Peine und Salzgitter auf – überall je 4-5 Mann, ‚einfache’ und zahlende Mitglieder, mehr nicht. Da ist tote Hose. […] Im UB Braunschweig sind viele bitter, bitter enttäuscht von dem, was eben läuft. Oder besser gesagt, was gerade nicht läuft […]“

Im Verlauf der weiteren Mails schlägt Dammann vor, ob es nicht möglich sei, im Bereich Braunschweig, Peine und Salzgitter einen eigenen Unterbezirk auszugründen, der unabhängig von in Helmstedt wäre. Kallweit antwortet er habe Wolf bereits vorgeschlagen:

„a) eine mittelfristige Stabilisierung in Braunschweig nebst Gewinnung neuer Mitglieder aus den Kreisen der Freien (mit denen er ohnehin regelmäßig zu tun hat) um dann gestärkt an Mitgliedern alsbald ebenfalls eine KV-Gründung in Angriff zu nehmen, als auch b) sich einfach selbst für den UB-Vorsitz in Position zu bringen und zwei, drei weitere Kameraden in diesem Zug mit ins Boot zu holen. Denn Friedrich [Preuß] ist ja ohnehin auf der Suche nach Ablösung. Beide Möglichkeiten bringen natürlich auch das eine oder andere Problemchen mit sich. Wenn es in Eurem Interesse ist, würde ich auch demnächst noch einmal das persönliche Gespräch mit Andreas Wolf suchen um hier zu einer Lösung zu kommen, mit der alle Seiten leben können und die vor allem überhaupt im Sinne der Partei wäre und keinen Streit, Austritte o. ä. bedeuten würde […]“

Tatsächlich könnten diese Vorschläge auch als Versuch verstanden werden, Preuß hinterrücks zu entmachten. Ob Andreas Wolf allerdings überhaupt in der Lage gewesen wäre den Unterbezirk zu leiten, ist dabei noch eine andere Frage. Inzwischen scheint er sich zumindest öffentlich aus der NPD-Arbeit zurückgezogen zu haben. dagegen ist trotz fortgeschrittenem Alter und entgegen seiner eigenen Ankündigungen den Platz für Jüngere frei zu machen weiter Unterbezirksvorsitzender.

Einen lesenswerten Artikel über die Querelen und Machtkämpfe der letzten Jahre im gesamten niedersächsischen Landesverband der NPD gibt es auf der Seite von recherche nord. Bereits im Mai berichtete Endstation Rechts über die Kandidatenaufstellung der niedersächsischen NPD: „Keine Alternativen? NPD zieht mit dem 72-jährigen Adolf Dammann in den niedersächsischen Wahlkampf“

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