Die »Hammerskins« im Dorfgemeinschaftshaus – Oder: Ein Landleben mit Neonazis

Samstagmittag in , einem kleinen beschaulichen Dorf im Landkreis Wolfenbüttel. Am Dorfrand, wo sich sonst Fuchs und Hase gute Nacht sagen, fallen die Autos mit auswärtigen Autokennzeichen auf, die heute vor dem Dorfgemeinschaftshaus parken. Mehrere Dutzend Männer und ein paar Frauen begrüßen sich. Kartons, Getränke und eine Musikanlage werden ins Dorfgemeinschaftshaus getragen. Fast alle haben rasierte Köpfe, sind tätowiert und tragen dunkle schwere Jacken. Auf einigen ist das Emblem zweier gekreuzter Hämmer eingestickt.

Wie die taz berichtet fand hier in der verschneiten niedersächsischen Provinz das sogenannte »national officers meeting« der deutschen »Division« der neonazistischen »Hammerskins« statt, zu dem ein ausgewählter Kreis führender Mitglieder dieser elitären Neonazigruppierung zusammenkommt. „Geschlossene Gesellschaft“ warnte ein Schild an der Eingangstür des Dorfgemeinschaftshaus:

Eine ‚Familienfeier’ hatte der ortsbekannte Rechte das Treffen genannt, als er das Dorfgemeinschaftshaus im 739-Seelen-Dorf gemietet hatte. Bei starkem Schneetreiben waren die ersten rund 30 ‚Offiziere’ – unter ihnen wenige Frauen – in den niedersächsischen Ort zwischen Wolfenbüttel und Goslar gereist. Am Nachmittag hatten die führenden Hammerskin-Aktivisten die roten Vorhänge des Dorfgemeinschaftshauses zugezogen und vier Stunden getagt. Abends sollte gefeiert werden. Abseits der Öffentlichkeit betreiben die , die wie Rockergruppen in sogenannten Chaptern organisiert und stark im Rechtsrock-Geschäft involviert sind, ihre Geschäfte.
(taz vom 25.02.2013)

Behörden ahnungslos – Lokalpolitik aufgeschreckt

Spaziergängern waren am Samstagvormittag die ‚stark Tätowierten’ aufgefallen und sie hatten die Polizei informiert“, so die taz. Offensichtlich waren die Behörden ahnungslos und überrascht von dem Neonazitreffen. Vor Ort erschienen neben ein paar Polizeiwagen Bürgermeister Helmut Wilm (CDU) und sein Stellvertreter Uwe Naß (SPD): „Solche Treffen wollen wir nicht ermöglichen“ äußerte er gegenüber der taz. „Da stehen wir hier zusammen gegen“, ergänzte der Grüne Ratsabgeordnete Thomas Boog. Schließlich wurde beschlossen den Mietvertrag wegen der Vorspiegelung falscher Tatsachen aufzulösen und vom Hausrecht Gebrauch zu machen. Allerdings erst gegen 17:30 Uhr, als weitere Einsatzkräfte eintrafen, wurden die Neonazis aufgefordert die Räumlichkeiten zu verlassen. Dennis Kiebitz, der das Dorfgemeinschaftshaus angemietet hat, gab sich ahnungslos und empört: Es sei eine private Feier, man habe sich da wohl in der Veranstaltung geirrt. Er habe doch schon viermal das Dorfgemeinschaftshaus angemietet und es habe nie Probleme gegeben. Man kenne ihn doch. Hinter ihm stehen bullige Neonazis und schirmen den Eingang ab. Nach kurzer Verhandlung sichern die Neonazis zu einzupacken und nach einer Stunde das Dorfgemeinschaftshaus zu verlassen. Als die letzten »Hammerskins« schließlich abfahren ist es laut Polizeibericht bereits 19:30 Uhr.

Ihr konspiratives Treffen konnte also trotz allem weitgehend ungestört über die Bühne gehen, lediglich die geplante abendliche Party fiel – zumindest hier im Dorfgemeinschaftshaus – aus. Gerüchten zu Folge soll am Abend dann doch noch eine Party oder ein Konzert stattgefunden haben – irgendwo anders im Landkreis an einem unbekannten Ort.

Dass Neonazis unter dem Deckmantel von privaten Feiern die Kantinen und Vereinsräume von Kleingärten- und Sportvereinen oder Dorfgemeinschaftshäuser für ihre Treffen, Feiern und Konzerte anmieten ist kein Einzelfall und sollte sich inzwischen auch bis zu den Verantwortlichen rumgesprochen haben. Spätestens wenn, wie in diesem Fall auch noch ein vor Ort bekannter Neonazi die Räume anmietet, sollten eigentlich alle Alarmglocken schrillen. Warum das nicht passiert ist und warum es so lange dauerte bis die Nazis das Dorfgemeinschaftshaus verlassen mussten, diese Fragen müssen nun in der Gemeinde und in den zuständigen Behörden geklärt werden. Und noch eine Frage steht im Raum, die auch der NDR in einem Beitrag über das Nazitreffen im Dorfgemeinschaftshaus stellte: „Wie oft schon konnten sich die ‚Hammerskins’ unter einem Vorwand dort einmieten?

In der taz kritisierte Andreas Speit in einem Kommentar außerdem das Ignorieren der »Hammerskins« durch die Sicherheitsbehörden:

In einem internen Dossier hielt das Bundeskriminalamt schon 2012 fest, dass der mit den Verfassungsschützern gemeinsam erstellte ‚Projektbericht Kameradschaften’ die Hammerskins nur ‚inadäquat’ darstellt. ‚Quellenschutz’ könnte der Grund fürs ‚Ignorieren polizeilicher Erkenntnisse’ sein, heißt es. Peinlich und pikant zugleich, denn über ein Jahr nach dem Bekanntwerden der Taten der Zwickauer Terrorzelle NSU führt der Schutz von V-Leuten offensichtlich erneut zu einer verzerrten Einschätzung. In den Verfassungsschutzberichten tauchen die Hammerskins nämlich kaum bis gar nicht auf. Und in Niedersachsen heißt es im aktuellen Bericht prompt, die Hammerskins entfalten ‚keine Aktivitäten’ Stimmt nicht, wie das Treffen am Samstag zeigte (…) Hätte der Verfassungsschutz seine Arbeit gemacht und über die Hammerskins berichtet, wären die Zuständigen in Werlaburgdorf vielleicht nicht erst nach mehreren Treffen ortsbekannter Rechter eingeschritten.

Die Neonazis: integriert im Vereinsleben der Samtgemeinde

SC Hornburg
Dennis Kiebitz und auf einem Mannschaftsfoto der 2. Herren des (2011)

Ein Unbekannter ist Dennis Kiebitz in Werlaburgdorf jedenfalls nicht. Bis vor kurzem wohnte er selbst hier im Ort, jetzt in einem benachbarten Dorf. Viele kennen ihn: „Das ist ein Rechter, das ist bekannt. Sie müssen mal seine Tätowierungen sehen. Der war doch auch damals dabei, als die Rechten die Weihnachtsdisko in Gielde überfielen“, dass hört man hinter vorgehaltener Hand von den Menschen in Werlaburgdorf. Aber wie das gerade in ländlichen Gebieten oft so ist: Kiebitz wird eben nicht nur als „böser Neonazi“ wahrgenommen, sondern auch als der nette Nachbar, der im Dorf und im Vereinsleben der Samtgemeinde integriert ist. Fotos auf der Homepage des SC Hornburg zeigen ihn als Spieler der 2. Herrenmannschaft und bei Feiern im dortigen Vereinsheim. Auf einem Bild trägt er dort ein Trikot mit der Nummer „88“. Die Zahlen stehen in der rechten Szene als Code für „Heil Hitler“. Im Hintergrund hängt ein Banner der »« – einem Fußballfanclub dem Neonazis und ihre Sympathisanten angehören.

SC HornburgAllein ist Kiebitz im SC Hornburg nicht auch noch weitere Vereinsmitglieder sind in der Neonaziszene aktiv. So treten hier beispielsweise auch Mario Blütchen und Sven Nielebock das runde Leder. Auch wenn der Steuerfachangestellte Sven Nielebock nach außen hin nicht gerade wie der typische Neonazi wirkt, auch er ist seit Jahren in der rechten Szene aktiv und besucht ebenso wie Mario Blütchen immer wieder Rechtsrockkonzerte, konspirative Treffen und ab und an auch Aufmärsche der Neonazis. Auf einem Bild auf der Homepage des Vereins ist Blütchen im Kreise seiner Mitspieler im Umkleideraum zu sehen, er trägt ein T-Shirt von »Thor Steinar«, einer bekannten rechten Modemarke. Und nicht nur das: Fotos zeigen Dennis Kiebitz, den ehemaligen -Abgeordneten Thomas K., Sven Nielebock und weitere Vereinskollegen bei einer Feier der 2. Herren-Mannschaft im Vereinsheim. Ganz offen trägt Kiebitz ein Shirt mit der Aufschrift „Radikahl“.

SC HornburgRadikahl“ ist eine bekannte Szeneband mit offen neonazistischen Texten. Ihr „Hakenkreuz“-Song führte 1994 zu einer Verurteilung der Musiker wegen Volksverhetzung. In dem Lied heißt es „Hisst die rote Fahne mit dem Hakenkreuz“ und „Hängt dem Adolf Hitler den Nobelpreis um“.

 

Fußballturniere mit Hakenkreuz

Wenn Kiebitz am Wochenende gerade mal nicht für den SC Hornburg auf dem Fußballfeld steht, dann nimmt  er ab und zu an neonazistischen Fußballturnieren teil: Am 16. Mai 2009 spielte Dennis Kiebitz bei einem Fußballturnier der rechten Szene bei Einbeck mit. Seine Mannschaft, zu der auch der Neonazi Helge Grotjahns aus Celle gehörte, spielte dort unter anderem gegen die Auswahl der Nazikameradschaft »Burschenschaft Thormania« aus Braunschweig. Deren Mitglieder sind ebenfalls wie Kiebitz und die »Hornburger Jungs« immer wieder im Eintracht-Stadion anzutreffen. Auch sie haben mit den »Blue Berets Brunswiek« quasi ihren eigenen Fanclub. Die Urkunden für den Sieger dieses „6. Nationalen Fußballturnier“ zierte übrigens ein Reichsadler mit einem Hakenkreuz im Ehrenkranz.

Auch seine Vereinskameraden Mario Blütchen und Sven Nielebock spielen nicht nur beim SC Hornburg: Beide gehörten zur Fußballmannschaft der »Autonomen Nationalisten Wolfenbüttel/Salzgitter« bei den sogenannten „Ostfriesengames“ am 8. August 2009. Auch die „Ostfriesengames“ sind ein Fußballturnier der rechten Szene, an der »Kameradschaften« und »Autonomen Nationalisten« teilnahmen, unter anderem aus Wolfsburg und Braunschweig.

Harmlose Dorfnazis?

Dennis Kiebitz
Alte Zeiten im Juze: Dennis Kiebitz im Shirt der „Skinheads Hornburg“ und dem Ärmelaufdruck „Blood & Honour“

Das nicht genau hingeschaut oder gar weggeschaut wird, dass die Rolle der „Dorfnazis“ – ob aus Unwissenheit oder um nicht in die negativen Schlagzeilen zu geraten – heruntergespielt wird, das ihre oft enge regionale und überregionale und – wie im Fall Kiebitz – auch internationale Einbindung in die Neonaziszene verharmlost oder einfach nicht wahrgenommen wird – das ist gerade auf den Dörfern und Kleinstädten keine Seltenheit. Da braucht es noch nicht einmal ein absichtliches Wegschauen. Es reicht nicht genau hinzuschauen. Denn hinschauen, das würde auch bedeuten, dass man sich damit auseinandersetzen müsste, wie man denn damit umgeht, wenn der Nachbar, der Fußballfreund im Sportverein oder der Feuerwehrkamerad ein Neonazis ist. Immerhin – und auch das ist nicht immer selbstverständlich – hat man hier in Werlaburgdorf gleich reagiert, als man von dem Neonazitreffen erfuhr.

Dennis Kiebitz „Karriere“ in der neonazistischen Szene begann bereits als Jugendlicher Ende der 90er Jahren. Damals gehörte er zu einer Clique von rund einem Dutzend Jugendlicher aus Hornburg und den umliegenden Dörfern, die sich auch als »Skinheads Hornburg« bezeichneten. Zur Clique um Kiebitz gehörte auch Thomas K., der später zeitweise für die NPD im Kreistag von Wolfenbüttel saß. Ganz offen zeigte man damals seine Zugehörigkeit zum „Blood & Honour“-Spektrum: Ein Bild aus dem Jugendzentrum zeigt Kiebitz im Shirt mit dem Ärmelaufdruck „Blood & Honour“.

Angst und Schrecken“ hätten damals über einen „einen Zeitraum von rund zwei Jahren rechtsgerichtete Randalierer in Hornburg“ verbreitet, berichtete die Braunschweiger Zeitung am 27. November 2002: „Sachbeschädigungen, wüste Trinkgelage, Belästigungen von Bürgern bis hin zu Körperverletzungen sowie rechtsradikale Pöbeleien“ wären auf das Konto der Neonazis, die aus Hornburg sowie aus dem Landkreis Goslar und aus Sachsen-Anhalt kamen, gegangen: „Viele Bürger trauten sich vor Angst abends nicht mehr auf die Straße“. Bei einer Weihnachtsdisko in Gielde kam es in der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember 2000 zu einer regelrechten Saalschlacht zwischen rund 30 Neonazis und anderen Gästen. Auch die herbeigerufene Polizei wurde attackiert. Eine Beamtin erlitt schwere Verletzungen. Kiebitz stand später wegen der Saalschlacht mit anderen Neonazis aus der Region vor Gericht.

Das Problem habe sich nun aber durch eine konzentrierte Aktion von Polizei und Stadt beruhigt, so die Zeitung im Winter 2002. Tatsächlich wurde es ruhiger um die Neonaziszene in der Gegend – oder besser gesagt: Die Neonazis fielen nicht mehr so auf, manche zogen sich ins Privatleben zurück. Das Älterwerden, die eigene Familie und der Beruf – als das trug mit dazu bei, dass man nicht mehr grölend mit Bomberjacken durch die Dörfer zog. Was dabei aber in der Öffentlichkeit aus den Augen geriet: die meisten hatten ihre Gesinnung nicht geändert, sie hatten sich nur nach außen angepasst und integriert. Und nicht wenige sind heute noch in der Neonaziszene aktiv, besuchen Rechtsrockkonzerte im In- und Ausland, nehmen an dem einen oder anderen Aufmarsch teil, fahren zu konspirativen Treffen und geben sich zu Hause  im Dorf als die netten Jungs – und Mädels – von nebenan. Man trifft sich bei den »Pumpenfetischisten« zum Kegeln, zum Fußball spielen oder Fußball schauen beim SC Hornburg oder geht als Fanclub »Hornburger Jungs« zu den Spielen von ins Stadion und trifft sich zu Feiern oder zur alljährlichen gemeinsamen »Vatertagstour«.

Die »Hornburger Jungs» – Ein Fanclub mit Sympathien für Massenmörder

"Hornburger Jungs"Dabei ist man gar nicht besonders bemüht, die rechte Gesinnung und die subkulturelle Verortung in der Rechtsrockszene zu verbergen: Bilder der Vatertagstour der »Hornburger Jungs« aus dem Jahre 2009 zeigen mehrere junge Männer mit Jacken und Shirt der rechten Modemarke »Thor Steinar«.Und Dennis Kiebitz trägt ganz öffentlich ein Shirt der Neonaziband »S.K.D.«. Die Abkürzung steht für »Sonderkommando Dirlewanger«. Diese »Sonderkommando« der SS war für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich und berüchtigt für seine Massenerschießungen, Massenvergewaltigungen und Verbrechen auch an Kindern. Die Band „S.K.D.“, die sich als Vorbild diese SS-Sondereinheit auserkoren hat, steht dem in der BRD verbotenen Rechtsrocknetzwerk »Blood & Honour« nahe. Zuletzt war sie auf einem Sampler vertreten, dessen Erlöse dem wegen Unterstützung der NSU derzeit in Haft sitzende Ralf Wohlleben zu Gute kommen.

"Hornburger Jungs"„Di Canio – Uno di noi“, steht auf einem Shirt, dass ein anderer »Hornburger Junge« beim „Vatertagsausflug“ trägt. Mit „Uno di noi – Einer von uns“ ist der italienische Fußballprofi und Trainer Paolo Di Canio gemeint, der sich selbst als überzeugten Faschisten bezeichnet. Mehrmals zeigte er bei Fußballspielen den sogenannten römischen Gruß, der dem »Duce« Benito Mussolini gilt und dem »Hitlergruß« ähnelt.

Von der Samtgemeinde in die weite Welt der internationalen Rechtsrockszene

Bei soviel Sympathien für italienische Faschisten verwundert es auch nicht, dass sowohl Kiebitz als auch Nielebock schon mehrmals in Italien zu Rechtsrockkonzerten waren. Besonders die Festivals der neonazistischen »Veneto Fronte Skinheads» sind immer wieder Anziehungspunkt für die Neonazis zwischen Harz und Heide. So besuchten Sven Nielebock und andere Neonazis aus der Region z.B. deren  »VFS-USGI FEST« im April 2009 in Italien. Und als Fan der Musikrichtung NS-Hardcore, ließ Dennis Kiebitz es sich nicht entgehen, als am 17. Oktober 2009 einige der bekanntesten Bands dieser Stilrichtung in Italien auftraten. Unter dem Motto „ Mosh or die“ spielten hier die NS-Hardcore Bands »Path of resistance«, »Hate for Breakfast«, »Still burning youth« und »Blind Justice«. Organisiert wurde das Konzert vom faschistischen „Casa Pound“ in Genua. Zuletzt dürfte das Konzert mit den NS-Hardcore Bands »Mosphit«, »Still burning youth« und »Drizza Torti« unter dem Motto „This is Milano not L.A.“ das am 2. Februar 2013 in Milano stattfand, ganz nach seinem musikalischen Geschmack gewesen sein.

"Fest der Völker"
Sven Nielebock (ganz links) beim „Fest der Völker“ 2008. Foto: recherche-nord.com

Seine Verbundenheit mit den europäischen „Kameraden“ und „Kameradinnen“ aus der militanten Neonaziszene zeigten Sven Nielebock und weiteren Personen aus den Reihen der »Hornburger Jungs» auch durch den Besuch des sogenannten „Fest der Völker“ am 2. September 2008 in Altenburg (Thüringen). Das „Fest der Völker“ ist ein Rechtsrockfestival der NPD, an dem führende Vertreter faschistischer Organisationen aus ganz Europa teilnehmen und Bands auftreten, die dem internationalen Neonazi-Musiknetzwerk »Blood & Honour« zugerechnet werde. Auch in Ungarn waren die Neonazis aus der Region schon mehrmals zu Besuch: 2009 nahm Sven Nielebock beispielsweise am „Sons of europe“-Konzert teil, einem europäischen Rechtsrock-Festival, das alljährlich in Ungarn stattfindet.

Auf der Internetseite für das Konzert 2009 hieß es zu dessen Zielen:

Das wichtigste Ziel des Festivals ist die weiße Einheit. Eine gemeinsame Feier der patriotischen Jugend Europas, wo wir alle das gleiche denken und fühlen, wo der einzige Unterschied die unterschiedlichen Sprachen sind, die wir sprechen. Unser Ziel ist es als Einheit zusammen zu stehen, egal aus welchem Land Du kommst oder welche Organisation Du unterstützt. Ihr seit alle willkommen, wenn Ihr euer Volk und unser Europa retten wollt.

In den Fußspuren von »Blood & Honour«

Doch zurück ins Jahr 2000: Damals wurde das internationale neonazistische Netzwerk »Blood & Honour« (B&H) in der BRD verboten. Ein Teil der Organisation versuchte daraufhin die Arbeit im Untergrund fortzuführen:

Das anvisierte Ziel, ein »bundesweites B&H-Netzwerk« im Untergrund aufrecht zu erhalten, scheiterte allerdings letztlich an Uneinigkeit im gemeinsamen Vorgehen sowie dem zunehmenden Verfolgungsdruck der Ermittlungsbehörden. Trotz dieses Scheiterns im bundesweiten Maßstab konnte ein Teil die bisherigen Tätigkeiten von »Blood & Honour« in regional agierende Strukturen überführt werden. Ehemalige Aktivisten der »Blood & Honour – Division Deutschland« nutzten erfolgreich die alten Netzwerke zum Aufbau eigener Vertriebs- und Organisationsstrukturen um das lukrative Geschäft mit neonazistischern Konzertveranstaltungen fortzuführen. Das ehemalige »Blood & Honour«-Netzwerk löste sich auf und transformierte sich in der Bundesrepublik zu einem dezentral aufgebauten und weitestgehend unabhängigen Geflecht von Einzelpersonen und Kleinstorganisationen.“ (recherche nord)

Party von "Honour & Pride"
Dennis Kiebitz (links) bei einer Party von „Honour & Pride“ bei Wernigerode (2005)

Ungefähr 4 Jahre nach dem Verbot von »Blood & Honour« wurde »Honour & Pride Niedersachsen« gegründet, eine Organisation, die zunächst regional in die Fußspuren des verbotenen Rechtsrocknetzwerkes trat: „Nach dem Vorbild von »Blood & Honour« wurde »Honour & Pride« in einzelne Sektions-Gruppen mit jeweiligen regionalen Schwerpunkten unterteilt. Kurz nach der Gründung traten dann die »Sektion Niedersachsen«, die »Sektion Braunschweig« sowie die »Sektion Nordharz« von »Honour & Pride« in Erscheinung“ (recherche nord). Auch Dennis Kiebitz gehörte nun zu den Aktivisten von »Honour & Pride«. Zahlreiche große und kleinere Rechtsrockkonzerte mit bis zu 1500 Besuchern in ganz Norddeutschland wurden seit dem von dieser Organisation meist konspirativ durchgeführt. Inzwischen unterstreicht man den bundesweiten Anspruch mit dem Auftreten als »Honour & Pride Deutschland«.

Von den »Rockern« zu den »Hammerskins«

Eine Zeit lang hatte Dennis Kiebitz über seine Bomberjacke eine Rockerkutte übergestreift: Als sich 2009 in Wolfenbüttel ein Prospect-Charter des Motorradclubs Red Devils gründete, war Kiebitz mit dabei. Zeitweise war er Domaininhaber der Homepage des Rockerclubs. Am 30.1.2010 schrieb der Weserkurier über Neonazis bei den »Red Devils«: „Auch in Wolfenbüttel haben die ‚roten Teufel’ Rechtsextremisten zu ‚Brüdern’ gemacht. ‚Red Devil’ Dennis K. trägt beispielsweise gerne Shirts mit der Aufschrift ‚Blood & Honour’ (‚Blut & Ehre’). Das internationale Neonazi-Netzwerk vermarktet rechtsextreme Bands und ist in Deutschland verboten. Tatsächlich besucht K. eifrig Rechtsrockkonzerte.

Im April 2010 stellte die Linkspartei im Niedersächsischen Landtag eine Anfrage zu personellen und organisatorischen Überschneidungen „zwischen sogenannten Rockerklubs und der Neonaziszene im Land Niedersachsen“. Laut Pia Zimmermann von der Linkspartei, „hätten sich etwa in Wolfenbüttel Rechtsextreme dem Rockerclub Red Devils angeschlossen: Involviert seien Mitglieder der Neonazi-Kameradschaft Honour & Pride Niedersachsen, der Autonomen Nationalisten Wolfenbüttel/Salzgitter und der Hooligangruppe Kategorie Braunschweig“ (taz vom 1.4.2010 ). Die Antwort der Landesregierung fiel recht knapp aus: „Rockerklubs sind (…) keine Beobachtungsobjekte der Niedersächsischen Verfassungsschutzbehörde (…) Dem Verfassungsschutz liegen keine Erkenntnisse über eine strukturierte Zusammenarbeit zwischen Rechtsextremisten und Rockern in Niedersachsen vor (…) Den Polizeibehörden in Niedersachsen ist bekannt, dass ein Mitglied der Red Devils, das auch der rechten Szene zuzurechnen ist, bei der Organisation von rechtsextremistischen Konzerten mitwirkt.

Inzwischen scheint Kiebitz die Rockerkutte allerdings wieder abgelegt zu haben. Möglich, dass er gehen musste, weil seine fortgesetzten Aktivitäten in der Naziszene zu negativen Schlagzeilen für den Motorradclub führten. Kiebitz ist nun jedenfalls wieder verstärkt in der Rechtsrockszene unterwegs. So wurde er z.B. auch im »Thinghaus« in Grevesmühlen (Mecklenburg-Vorpommern) gesichtet. Im »Thinghaus«, in dem die NPD ein „Bürgerbüro“ betreibt , finden Feiern, Veranstaltungen und auch Konzerte statt. Unter den Besuchern sind immer wieder Aktivistinnen und Aktivisten des neonazistischen »«, von »Honour & Pride« und andere Neonazis aus der Region. Auch der Bassist der – inzwischen aufgelösten – rechtsoffenen Grauzonenband »Freigänger« aus Wolfenbüttel, die zuletzt einen Proberaum in Schladen nutzte, wurde schon bei einem Konzert im »Thinghaus« gesehen. Besitzer des Hauses ist Sven Krüger aus Jameln. Laut taz wird er in einem Bericht der Behörden als  „Führungsperson der Hammerskins in Mecklenburg-Vorpommern“ bezeichnet.

Zu Besuch beim  »Hammerfest« in den USA

"Aggravated Assault" beim "Hammerfest" 2012 in Boise (USA)
Auftritt der Band „Aggravated Assault“ beim „Hammerfest“ 2012 in Boise (USA)

Im Herbst letzten Jahres  reiste Kiebitz dann eigens in die USA um am dortigen »Hammerfest« am 30.9.2012 in Boise (Idaho) teilzunehmen. Beim »Hammerfest«, dem zentralen Musikevent der »Hammerskins» in ihrem  Ursprungland, traten im letzten Jahr u.a. die NS-Hardcore Band »Blue eyed devils« und »Max Resist« auf. In ihrem Song  „Murder Squad“ besingen die »Blue eyed devils« die »Einsatzgruppen« der SS und des SD, die unter persönlichen Befehl Himmlers vor allem in Polen, auf dem Balkan und in der Sowjetunion im Sinne der Völkermordpolitik der Nazis Massenmorde unter den Sinti, Roma und Juden verübten:

Ich bereue nichts, was ich getan habe. Ich habe so viele durch das Zielfernrohr meiner Waffe gesehen. Aber für das Reich zu töten ist mein Job. Ein Soldat im Todesschwadron meiner Nation. Meine Befehle sind einfach, klar und deutlich. Töten auf Befehl und keine Angst haben. In meinem Herzen weiß ich, was richtig ist. Das zu tun, was ich muss für meiner Nation’s Kampf. Verräter hängen und andere erschießen. Die Juden töten und den Kopf abschneiden. Den Feind und seine Lügen vernichten.“ (Im Original in English)

Und im gebrochenem deutsch wird der Refrain gesungen: „Blut und Ehre, daran glaube ich Einsatzgruppen, Tod für dich Zu meinen Führer habe ich gegeben – Gegeben mein ganzes Leben – Sieg Heil!

Hammerskin-Konzert in den USA
Auftritt von Wade Michael Page bei einem „Hammerskin“-Konzert in den USA

Das solche Texte nicht bloße Gewaltphantasien sind, zeigt der Fall von Wade Michael Page. Er richtete im August 2012 in Wisconsins (USA) ein Blutbad in einem Sikh-Tempel an und erschoss sich dann selbst. Wade galt als Mitglied der »Hammerskins« und spielte in der Neonazi-Band »Definite Hate«.

Der Besuch des »Hammerfest« war nicht das erste Mal, das Kiebitz sich in den USA aufhielt, um neue Kontakte zu knüpfen und alte aufzufrischen. Unter anderem reiste er zusammen mit Sven Nielebock, Steffen E. und weiteren Personen 2009 nach New York. Hier stand nicht nur ein Besuch eines Konzertes der bekannten Nu-Metal Band »Slipknot« auf dem Programm, sondern auch mindesten ein Neonazi-Konzert. Und das nächste Event in den USA steht schon an: Am 17.03.2013 feiern die »Hammerskins« den „St. Paddys Day“ mit einem Konzert in Richmond. Auftreten sollen dort unter anderem »Chaos 88«, »Landsknecht« und: »Definite Hate«. Jene Band in der der bereits erwähnte Michael Wade spielte, der beim Attentat sechs Menschen erschoss.

Das Beispiel Dennis Kiebitz zeigt, dass das Landleben der Neonazis in der niedersächsischen Provinz, gar nicht so harmlos ist, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheint. Die lokale neonazistische Szene – auch im Landkreis Wolfenbüttel zeigt sich gut vernetzt und eingebunden in die regionalen, bundesweiten und internationalen Netzwerke der neonazistischen Rechtsrockszene und der militanten Neonaziorganisationen. Gerade im ländlichen Raum gibt es kaum antifaschistische Gruppen, die ein Blick auf die lokale Neonaziszene haben und – allein oder im Bündnis mit anderen „zivilgesellschaftlichen“ Gruppen – Aktivitäten gegen die Neonazis vor Ort entfalten. Und Behörden, Politik sowie die Zivilgesellschaft sind oft nicht ausreichend sensibilisiert. Auch in Werlaburgdorf, hätte das Treffen der Hammerskins verhindert werden können, wenn man rechtzeitig hingeschaut, sich informiert und nicht blauäugig das Dorfgemeinschaftshaus an eine Person vermietet hätte, deren Aktivitäten in der Neonaziszene eigentlich bekannt sein dürften.

Medienberichte zum Treffen der »Hammerskins« in Werlaburgdorf

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