Collage: Screenshots von bild.de, facebook, instagram

“Deutsche die Messerstich verteilen”: Gewalttätige Neonazis aus Braunschweig mischten in Chemnitz mit

Die braunschweiger Neonazis und in der “The Strait Times” aus Singapore

Pierre Bauer (links) zusammen mit Lasse Richei beim “Rudolf-Hess-Marsch” am 18.8.2018 in Berlin. Foto: recherche nord.

Ob BILD, FAZ oder die Titelseiten oder internationalen Presse: Viele Artikel über die Angriffe auf Journalist*innen und Polizei beim “Trauermarsch” der AfD und »Pro « am Samstag, den 1.9.2018, waren mit einem Agenturfoto bebildert, welches aggressive Neonazis vor einer Polizeikette zeigt. Einer der Männer macht die sogenannte “Pistolen-Geste” – eine deutliche Drohung in Richtung der Polizei. Der junge Mann ist kein Unbekannter: Es ist der Braunschweiger Pierre Bauer. Der vorbestrafte Neonazi gilt als aggressiv und gewalttätig. Schon zweimal wurde er wegen Körperverletzung zu einer Haftstrafe verurteilt, jedes Mal wurde diese allerdings zur Bewährung ausgesetzt – und seine Bewährungszeit läuft noch.

“Positive Sozialprognose”

Anfang 2016 hatte er auf zwei Schüler des Braunschweiger Gymnasiums Neue Oberschule so eingeschlagen und eingetreten, dass einer einen doppelten Kieferbruch erlitt. Nachdem die Polizei gegen ihn wegen zahlreicher weiterer ermittelte, u.a. auch weil er metergroße Hakenkreuze auf eine Straße gemalt hatte, wurde er in U-Haft genommen. Wegen des Angriffs auf die beiden Schüler verurteilte ihm das Amtsgericht Braunschweig im Dezember 2016 zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Nachdem er im Juni 2016 u.a. einen jungen Mann mit einem Stein beworfen hatte wurde er erneut in U-Haft genommen und vom Amtsgericht zu einer 9-monatigen Haftstrafe wegen “gefährlicher Körperverletzung, Beleidigung und Sachbeschädigung” verurteilt. Allerdings wurde auch das Urteil zur Bewährung ausgesetzt. Zwischenzeitlich fahndete die Thüringer Polizei öffentlich mit einem Foto nach dem ihr unbekannten Neonazi, weil er verdächtigt wurde an einem Angriff auf einen Polizisten bei einer rechten Demonstration am 1. Mai 2016 in Erfurt beteiligt gewesen zu sein. Das Landgericht bestätigte im Januar 2018 nach der Berufung der Staatsanwaltschaft die Bewährungsstrafe und bescheinigte dem Neonazi eine “positive Sozialprognose”, auch weil er angeblich nur noch “privat” Umgang mit der rechten Szene pflege und nicht mehr auf Aufmärsche oder ähnliches gehe. In der Folgezeit (und auch in der Zeit davor) war er allerdings regelmäßig bei Aufmärschen und anderen öffentlichen und internen Aktivitäten der rechten Szene, insbesondere der NPD/JN, mit dabei. So beteiligte er sich z.B. bei einem “White Rex”-Kampfsportseminar der NPD-Jugend mit dem russischen Neonazi Denis Nikitin in Cremlingen (Landkreis Wolfenbüttel) oder einer Demonstration zu “Ehren” des Hitler-Stellvertreters und Kriegsverbrecher Rudolf Hess am 18.8.2018 in Berlin.

Die Braunschweiger Neonazis: auffallend aggressiv

Bereits am vorherigen Montag, den 27. August 2018, fiel Pierre Bauer beim Aufmarsch der »Patrioten für Chemnitz« auf. Hier dazu ein tweet vom Bündnis gegen Rechts Braunschweig:

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Foto: flickr/Timo Mönch

Christian Fischer im Gespräch mit den Neonazis aus Braunschweig und Dortmund. Foto: recherche nord

Lasse Richei und am 1.9.2018 in Chemnitz. Foto: recherche nord

Am Samstag, den 1. September 2018, war Pierre Bauer (im Bild oben links mit schwarzen Kapuzenpullover von »Thor Steinar« mit heller Aufschrift) dann zusammen mit einer vermutlich insgesamt vierköpfigen Gruppe aus Braunschweig erneut vor Ort. Mit dabei war auch der ehemalige Aktivist der NPD-Jugend, Lasse Richei (auf dem Bild  in roter Jacke) und der Anhänger der neonazistischen Partei »Der III. Weg«, Timo B. (in blaue Jacke mit roten und weißen Streifen und schwarzer Cap).
Auf zahlreichen Fotos und Videos ist zu sehen, wie Pierre Bauer, aber auch die anderen Braunschweiger Neonazis, stets vorneweg mit aggressiven Posen und aufputschenden Parolen, die Stimmung gegen die Polizei anheizen.

Der Versuch die Polizeiketten nach der vorzeitigen Beendigung der Versammlung zu durchbrechen, war nach Angaben von recherche nord dabei nicht spontan, sondern wurde durch neonazistischen Kleingruppen organisiert und koordiniert angegangen:

“Neonazis wie Christian Fischer (…) scharrten Kleinstgruppen zusammen und verteilten Instruktionen. Ziel war es das Gemisch von Rechtspopulisten und Neonazis zum Angriff auf die Gegenproteste zu animieren. Ein Durchbruchsversuch durch die Polizeiabsperrung wurde daraufhin besprochen und vorbereitet. Nachdem sich die Kleingruppen positioniert hatten begann der Durchbruchsversuch. Damit einher ging die Animation anderer Aufmarschteilnehmer*innen sich am Angriff auf die Polizeiabsperrung zu beteiligen (…) Niedersächsische und nordrhein-westfälische Neonazis stellten dabei einen Teil der ersten Reihen.”

Im folgenden haben wir  Videos und Berichte zusammengestellt, in denen das Agieren der Braunschweiger Neonazis dokumentiert ist:

 

Im Video des »Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V.« sind die Braunschweiger Neonazis ebenfalls mehrmals zu sehen:

  • Bei Minute 2:29 laufen Lasse Richei und Timo B. zusammen mit Dortmunder Neonazis in Richtung der Polizeiketten
  • Bei Minute 2:43 ist die Gruppe zu sehen, als sie gerade einen Journalisten bedrängen
  • Ab Minute 3:02 sind Pierre Bauer und Lasse Richei ganz vorne in der Menge vor der Polizeikette zu sehen.
  • Bei Minute 3:13 gibt Lasse Richei einem Vermummten Anweisungen und schickt ihn weiter nach hinten.
  • Bei Minute 3:26 fordert einer der Dortmunder Neonazis die Menge mit Gesten und Rufen auf nach vorne zu kommen.
  • Ab Minute 3:29 sieht man Pierre Bauer, wie er die Polizeibeamt*innen anschreit und drohende Gesten zeigt.

Attacken gegen Journalist*innen

Ganz gezielt wurden in Chemnitz Journalist*innen, Fotograf*innen und Kameraleute bedrängt, geschubst und attackiert. Auch da fielen die Neonazis aus Braunschweig besonders auf.

Im folgenden Video, dass bei twitter veröffentlicht wurde, ist Lasse Richei (hier in der dunkelblauen Jacke) zu sehen, wie er mit geballten Fäusten auf einen Journalisten zugeht und ihn verbal bedrängt. Zuvor wurde dieser von einem Mann in hellblauer Jacke attackiert:

Ein weiterer Bericht über die Beteiligung der Braunschweiger Nazis an Übergriffen gegen Journalist*innen findet sich beim Störungsmelder von ZEIT-Online, wo der Autor recht einprägsam schildert, wie er gezielt angegangen wurde:

“Eine Gruppe junger Neonazis steht fünf Meter weiter, beobachtet uns und zeigt in unsere Richtung. Später erfahren wir von Kollegen, dass die Gruppe aus Braunschweig stammt. Bekannt als gewaltsuchend, Ex-Kader der NPD-Jugend und Kampfsportler (…)  Plötzlich sind die drei sportlichen Neonazis von der anderen Seite wieder da. Sie haben die Abkürzung quer durch die Demonstration genommen, bauen sich vor mir auf. Einer schlägt unvermittelt gegen meine Kamera. Zwei andere halten Passanten und Kollegen in Schach. Ein Kollege filmt geistesgegenwärtig, was passiert – zuerst unentdeckt. Der Angreifer ist ein ehemaliger Kader der NPD-Jugend, bundesweit bekannt. Er drängt sich auf Hautkontakt ran, befummelt meinen Arm. Der Blick leer und aggressiv, wie auf harten Drogen. Hinter mir ist eine schmale Seitengasse, wo keine Polizei steht, niemand langgeht. Der Mann versucht, mich genau dorthin zu drängen. Ein bulliger Typ im schwarzen Kapuzenpullover macht mit. Als das nicht klappt und ich mich weiter vorn beim Café halten kann, versucht der bekennende Neonazi zu provozieren. Der Kampfsportler will, dass sein Gegner zuerst zuschlägt. Er drängt mich mit seinem Körper weg, schlägt wiederholt auf die Kamera, versucht die Linse zu zerkratzen, indem er umständlich in das nach unten gehaltene Objektiv greift. Die robuste Technik nimmt keinen Schaden, muss zum Glück nur gereinigt werden (…) Sicherheitsleute eines anderen Reporterteams sind es, die den Angriff beenden. Sie drängen die Neonazis weg. Der Angriff ging glimpflich aus, zu Verletzungen kam es nicht. Bevor er in der Menge verschwindet, sagt der Angreifer: ‘Nächstes Mal geht das anders aus für dich.'”

Möglicherweise waren die Neonazis aus Braunschweig noch an weiteren Angriffen beteiligt. So ist in der »Frankfurter Sonntags Zeitung« ein Bericht über einen Angriff von Neonazis auf Mitglieder der SPD aus Hessen, die am 1.9.2018 an den Gegenprotesten teilgenommen hatten. Dort schildert u.a. Karin Dettmering, dass ein Angreifer  den “Schaft ihrer Fahne über dem Knie zerbrochen, sie aber nicht körperlich angegriffen” habe: “Dettmering erinnerte sich, dass der Angreifer mehreren Frauen zugerufen habe: ‘Ihr habt Glück, dass ihr Fotzen seid, dass wir euch nicht behindert schlagen.'” – Diese Wortwahl lässt aufhorchen, da Lasse Richei genau diese Drohungen immer wieder verwendet. Dazu passt, dass Lasss Richei bei instagram einen Screenshot eines twitter-Tweets des SPD-Politikers Sören Bartol postete, der schrieb: “Meine Gruppe aus Marburg wurde gerade auf dem Weg zum Bus von Nazis überfallen.” Lasse Richei kommentiert das mit “Jeder kriegt was er verdient”.

»Adrenalin BS«: Neonazistischer Kampfsport und Gewalt

Foto der Gruppe aus Braunschweig in Chemnitz. Foto: Screenshot von facebook, 2.9.2018

Die Gruppe um Pierre Bauer und Lasse Richei tritt auch als »Adrenalin BS« in Erscheinung und bezeichnet sich auf ihrer facebook-Seite als „Sportgruppe&Bürgerwehr“. Dort wurde auch ein Bild der Gruppe vor dem Marx-Monument in Chemnitz veröffentlicht. Lasse Richei veröffentlichte das Bild ebenfalls einmal bei facebook, da mit der Überschrift: “Deutsche die nicht lang Fackeln sondern Messerstich verteilen” und bei instagram mit dem hashtag “#werwillsichboxen” und dem Text: “A.H. Hooligans alles andere Fotzen” (die Abkürzung “A.H. Hooligans” dürfte hier für “Adolf Hitler Hooligans” stehen).

Neben Pierre Bauer, Timo B. und Lasse Richei, der zuvor als Aktivist bei der NPD-Jugend »Junge Nationalisten« (JN) aktiv war, dort aber wegen “asozialen” Verhalten und Drogenkonsum rausgeflogen sein soll, scheint die Gruppe allerdings bisher über kaum mehr Mitglieder zu verfügen.

Die Mitglieder der Gruppe trainieren regelmäßig Kraft- und Kampfsport u.a. im »Athletik Studio Uwe Meyer« in der . Auf ihrer Facebook-Seite werden immer wieder Fotos gepostet, die vor allem Pierre Bauer beim Kampfsportraining zeigen und überschrieben sind mit Aussagen, wie “Kampfsport gegen Überfremdung”, “Kampfsport statt Kiffen” oder “Kickboxen gegen Überfremdung”. Dort bezeichnet sich die Gruppe auch als “Kiez Faschisten” und erklärt die und das Viertel am „Schwarzen Berg“ zu einer angeblich „Antifa Freien Zone“.

Seit einiger Zeit tauchen am “Schwarzen Berg” verstärkt rechte Graffitis und Aufkleber auf. Immer wieder postet Lasse Richei bei facebook und instagram Fotos, auf denen er ganz offen vor den Graffitis posiert. Viele davon waren bisher mit dem Lambda, dem Symbol der »Identitären Bewegung« und dem Zusatz „BS“ versehen:

Screenshot aus einem im »Athletik Sportstudio Uwe Meyer« gedrehten Droh-Video vom (inzwischen gelöschten) instagram-Profil von Lasse Richei.

Nachdem das Bündnis gegen Rechts Braunschweig über die Teilnahme von Pierre Bauer an der gewaltsamen Demonstration von »Pro Chemnitz« am 27.8.2018 berichtete und dabei auch die Gruppe »Adrenalin BS« und das »Athletik Sportstudio Uwe Meyer« veröffentlichte Lasse Richei bei Instagram ein Video, welches dort gefilmt wurde und in dem gedroht wird: “Komm und wir schlagen dich behindert du Fotze”.

Eskalation zu befürchten

Schon seit  Monaten nehmen die Gewaltdrohungen im Internet, aber auch auf der Straße, durch die sehr kleine Gruppe aktiver und militanter Neonazis in Braunschweig wieder zu. Gerade weil die Neonazis hier gesellschaftlich weiterhin eher marginalisiert sind, setzen sie auf gewalttätige Eskalation, auf Einschüchterung und Angriffe. Dabei scheinen sie – auch aufgrund der wiederholten Aussetzung von Haftstrafen und der offensichtlich weitgehend ausbleibenden Reaktionen der Behörden auf die zunehmende Schmierereien, Aufkleber und Drohungen – staatliche Repressionen kaum zu fürchten. Da die Neonazi sich nun durch die Ereignisse von Chemnitz noch aggressiver und aufgeputschter zeigen und dazu regelmäßig Kampfsport für den “Straßenkampf” trainieren, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis diese erneut jemanden angreifen und dabei schwer verletzten.

In der Gallerie haben wir ein paar ausgewählte Screenshots aus den Profilen von Lasse Richei und Pierre Bauer zusammengestellt:

1 Kommentar

  1. Danke, dass ihr bei diesen Schmalhirnen am Ball bleibt!

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